„Musik ist eine Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird“
Interview mit Sabine Paganetti, Kantorin der Evangelischen Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied
Anlässlich ihrer Auszeichnung mit dem Bürgerpreis der Neuwieder Casinogesellschaft 2024 sprachen wir mit Sabine Paganetti, Kantorin der Evangelischen Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied. Als Musikpädagogin, Musik- und Kulturgeragogin sowie Johanna-Löwenherz-Stipendiatin 2012 verbindet sie auf beeindruckende Weise musikalisches Können, pädagogisches Feingefühl und tiefes menschliches Engagement. Im Gespräch mit Jürgen Knees gibt sie Einblicke in ihre Arbeit, ihre Inspiration und die Kraft, die Musik in allen Lebensphasen entfalten kann.
Einstieg & Persönlichkeit
Frau Paganetti, Sie sind in vielen musikalischen und kulturellen Bereichen aktiv. Wie würden Sie Ihre berufliche und künstlerische Mission beschreiben?
Die berufliche und die künstlerische Mission hängen auf alle Fälle zusammen. Die berufliche Mission ist, die Musik mit möglichst vielen Menschen zu erleben, zu erarbeiten und sie dafür zu begeistern. Dahinein spielt dann direkt auch die künstlerische Mission, die eigene schöpferische Leistung.
Was bedeutet Ihnen Musik persönlich – ist sie Beruf, Berufung oder Lebenshaltung?
Die Kunstgattung Musik ruft Empfindungen und Assoziationen hervor. Töne, Klänge und Geräusche und deren Eigenschaften wie Lautstärke, Klangfarbe, Tonhöhe und Tondauer begleiten uns jeden Tag. Tatsächlich mache ich keinen Unterschied in Beruf oder Berufung. Die Musik gehört unverzichtbar zu meinem Leben, und ich möchte sie als Sprache, die auf der ganzen Welt verstanden wird, gerne teilen – auch hier vor Ort in unserer Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied.
Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Ihnen klar wurde: Das ist mein Weg?
Das weiß ich tatsächlich schon sehr lange. Ich bin in einem Forsthaus mitten im Wald groß geworden – weit entfernt vom nächsten Ort. Der Wald lebt von Geräuschen und Melodien, oder er ist auch mal ganz still – ein wunderbarer Moment. Ich hatte immer eine Melodie im Kopf, die ich pfiff oder vor mich hin summte. In unserem Wohnzimmer stand außerdem ein großes, altes Klavier, das niemand spielte. Also konnte ich ungestört ausprobieren, wie es klingt, wenn ich auf der Blockflöte einen Ton spielte und gleichzeitig eine Taste niederdrückte – sehr umständlich, aber spannend.
Ich hätte mir damals auch vorstellen können, Försterin zu werden. Die Natur fasziniert mich bis heute und macht mich demütig. Kurz vor meinem Abitur starb meine Mutter, und ich spürte, wie viel Kraft mir die Musik – vor allem die mit geistlichem Inhalt – gab. Ab diesem Zeitpunkt beschäftigte ich mich auch intensiv mit Musiktherapie.
Arbeit als Kantorin
Was macht Ihre Arbeit als Kantorin in Feldkirchen-Altwied so besonders?
Die Arbeit als Kantorin unserer Kirchengemeinde, zu der ich 1998 ernannt wurde, ist eine sehr erfüllende Aufgabe. Die beiden geschichtsträchtigen Kirchenräume – die gotische in Altwied und die romanische Feldkirche – beflügeln die Phantasie. Besonders spannend ist es, Musik aus der Erbauungszeit der Kirchen bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen zu verbinden. Ich erinnere mich etwa an das Konzert „Friede“ im Jahr 2024, das vom gregorianischen Choral „Da pacem domine“ aus dem 9. Jahrhundert bis zu Arvo Pärt reichte. Diese musikalische Zeitreise fasziniert mich sehr.
Wie gestalten Sie Ihre musikalische Arbeit in der Gemeinde?
Die Arbeit als Kantorin umfasst die Begleitung aller Gottesdienste, die Leitung zahlreicher vokaler Gruppen – vom BabyPsalm bis zur SeniorenKantorei – sowie Ensembles wie das FlötenEnsemble. Dazu kommen KinderSingWoche, Passions- und Friedhofsmusiken, Stimmbildung, die Betreuung der Instrumente und die Organisation von Konzerten. Besonders wichtig ist mir: Alles greift ineinander – jedes Projekt ist auf seine Weise gleich bedeutsam.
Kirchenmusik steht oft im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. Wie gehen Sie damit um?
Alle Künste – Musik, Malerei, Literatur, Tanz – bewegen sich zwischen Tradition und Moderne. Ich bin eine eher traditionelle Kantorin, offen für Neues, aber mit klaren Grenzen. So haben wir schon 2006 das Pop-Oratorium ADAM aufgeführt. Ich halte es für wichtig, Neues einzubeziehen, aber auch die Wurzeln zu bewahren. Mein Wunsch wäre, dass sich in unserer Kirchengemeinde eines Tages eine Jugendband gründet.
Musikpädagogik & Musik- und Kulturgeragogik
Wie kamen Sie zur Musikpädagogik und später zur Musik- und Kulturgeragogik?
Nach dem Abitur habe ich Musikpädagogik mit Hauptfach Gesang und Nebenfach Klavier studiert. Schon damals galt mein besonderes Interesse der Pflege der Kinder- und Jugendsingstimme. Parallel absolvierte ich das C-Examen in Kirchenmusik und leitete bald Chöre und unterichtete an Musikschulen. Über dreißig meiner Schülerinnen und Schüler haben später einen musikalischen Beruf ergriffen.
Zur Musikgeragogik kam ich, als sich vor zwanzig Jahren eine Chorsängerin kognitiv veränderte. In einer Weiterbildung zur Musikgeragogin und später zur Kulturgeragogin konnte ich wertvolle Kenntnisse erwerben, die ich heute in meine Arbeit als Kantorin einfließen lasse – von der Kinderarbeit bis zu Angeboten für Seniorinnen und Senioren.
Was kann Musik für Menschen mit Demenz bewirken?
Musik kann dementiell veränderten Menschen ein Zeitfenster des friedlichen Wohlbefindens schenken. Zusammen alte Lieder und Schlager zu singen, ist zutiefst berührend. Daraus entstand das Format „Konzerte für Menschen mit Demenz und ihre sie pflegenden Angehörigen“, das ich mehrfach durchführen durfte. Der Zuspruch bestärkt mich, diesen Weg weiterzugehen.
Auszeichnungen & Anerkennung

Sie wurden mit dem Johanna-Löwenherz-Stipendium und dem Bürgerpreis der Neuwieder Casinogesellschaft ausgezeichnet. Was bedeuten Ihnen diese Ehrungen?
Mit beiden Auszeichnungen hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Das Johanna-Löwenherz-Stipendium 2012 zeigte mir, dass das Thema „Kultur und Bildung im Alter“ zunehmend Beachtung findet. Der Bürgerpreis 2024 unterstrich, wie wichtig das Thema Demenz in der gesellschaftlichen Diskussion geworden ist – und dass Engagement in diesem Bereich tatsächlich gehört wird.
Beide Ehrungen sehe ich im Dienste der Sache: Die Zuversicht steht im Mittelpunkt, auch wenn eine Krankheit das Leben zu verrücken droht. Natürlich sind solche Anerkennungen Ansporn und Wertschätzung, aber das Lächeln eines dementiell veränderten Menschen beim gemeinsamen Singen berührt mich tiefer als jede Auszeichnung.
Projekte & Inspiration
An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Es wird weiterhin Kirchenkonzerte für Menschen mit Demenz geben, auch Singegottesdienste in diesem Rahmen sind in Planung. Mit unserer Kantorei bereite ich Konzerte für Weihnachten und Passion 2026 vor, außerdem liebäugele ich mit einem modernen Oratorium eines nordischen Komponisten.
Woher schöpfen Sie Ihre künstlerische Inspiration?
Inspiration finde ich im Alltag – besonders in der Natur. Spaziergänge geben mir Ruhe und Raum, neue Ideen zu entwickeln. Auch die Kirchenräume selbst sind Orte der Kraft. Ich bin dankbar, mit Menschen zu arbeiten, die meine manchmal ungewöhnlichen Ideen mittragen.
Wie wichtig ist Ihnen die Verbindung von Musik, Bildung und sozialem Engagement?
Kultur und Bildung sind Grundlagen eines gelingenden Lebens. Besonders Menschen mit Demenz brauchen unsere Aufmerksamkeit. Gefühle bleiben bis zuletzt erhalten. Hier kann Musik – gerade Kirchenmusik – Trost und Würde schenken. Lieder wie „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ erinnern daran, dass wir im Glauben getragen sind.
Abschluss & Ausblick
Wenn Sie auf Ihre Arbeit zurückblicken – was erfüllt Sie am meisten?
Nach fast 40 Jahren macht mir die Arbeit immer noch Freude. Viele Sängerinnen und Sänger begleiten mich seit Jahrzehnten, andere kommen neu hinzu. Diese Mischung aus Beständigkeit und Neubeginn hält alles lebendig.
Wie sehen Sie die Zukunft der Kirchenmusik?
Ich bin zuversichtlich. Die Kirchenmusik hat durch ihre jahrhundertealte Tradition eine gute Überlebenschance. Sie muss sich weiterentwickeln, aber der gesunde Mix aus Altem und Neuem ist entscheidend.
Was möchten Sie jungen Musikerinnen und Musikpädagoginnen mit auf den Weg geben?
Die (Kirchen)Musik ist Botschafterin eines friedlichen und erfüllten Miteinanders. Ich wünsche mir, dass viele Menschen sich davon bewegen und begeistern lassen.
Dank und Schlusswort
Herzlichen Dank, liebe Frau Paganetti, für dieses inspirierende Gespräch und die Einblicke in Ihr beeindruckendes Wirken. Ihr Engagement für die Kirchenmusik, für Bildung und für die Würde älterer und erkrankter Menschen zeigt eindrucksvoll, wie Musik Brücken schlägt – zwischen Generationen, Lebensphasen und Herzen.
Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Kraft, Freude und kreative Inspiration für Ihre wertvolle Arbeit.
Sabine Paganetti
Kantorin der Evangelischen Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied
Musikpädagogin, Musik- und Kulturgeragogin





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