275 Jahre Herrnhuter in Neuwied – lebendige Spuren im Stadtteil Feldkirchen
Die Herrnhuter, die 1750 nach Neuwied kamen, verstanden Glauben und Gemeinschaft als gelebte Haltung im Alltag. Dieser Geist ist in Feldkirchen bis heute erfahrbar: in den Kirchengemeinden, in Vereinen und Initiativen sowie im engagierten Miteinander der Nachbarschaft. Ob evangelisch oder katholisch, ob Pfadfinder, Fördervereine oder kulturelle Veranstaltungen wie „Feldkirchen leuchtet“ – Gemeinschaft wird hier aktiv gelebt.
Der Herrnhuter Stern steht damit nicht nur für eine historische Tradition, sondern für das lebendige Miteinander vor unserer Haustür.
Ein Stern in der Dunkelheit – Zeichen oder Schmuck?
Herrnhuter Sterne waren früher eine Rarität, und ich frage mich: Waren sie auch ein mehr oder weniger bewusstes Bekenntnis, dass der Stern von Bethlehem, der auf die Geburt des messianischen Friedensbringers Jesus hinweist, für das Haus, vor dem er leuchtet, das wegweisende Licht in der Dunkelheit der Welt ist? Mir scheint, dieser Symbolwert geht verloren mit der immer größeren Zahl von meist kleinformatigen Herrnhuter Sternchen. Dienen sie nur noch dekorativen Zwecken?
Dem Licht folgen – die Spur der Weisen
Der große Herrnhuter Stern in der St.-Marien-Kirche Behrenhoff (BILD) und an vielen anderen Orten hat einen direkten Bezug zur Geschichte von den „Weisen aus dem Morgenland“ aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 2. „Wir haben einen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten … Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf …“
Vom Stern zur Legende – Kunst, Macht und Pilgerwege
Der italienische Renaissancemaler Giotto di Bondone hat im 14. Jahrhundert erstmals den Stern von Bethlehem als Kometen dargestellt in dem Werk „Anbetung der Könige“. Aus den „magoi“ (griechischer Urtext) / Sterndeutern sind seit dieser Zeit die Heiligen Drei Könige geworden, und der Stern wird mit einem Schweif versehen. Eine legendarische Ausschmückung – und damals schon eine Geschäftsidee: Die Gebeine der Hl. Drei Könige werden auf abenteuerliche Weise aus Mailand nach Köln geholt. Köln wird mit dem Dreikönigsschrein im Hohen Dom zu einem Pilgerort.




Segen an der Schwelle – Kinder tragen das Licht weiter
Heute geht vom Kölner Dom die STERNSINGER-Bewegung aus. Am 6. Januar, dem Dreikönigsfesttag, ziehen Kinder als Caspar, Melchior und Balthasar verkleidet, ein Stern mit Schweif vorneweg, von Haus zu Haus und bezeichnen die Eingangstüren vieler Häuser mit den Buchstaben C + M + B, verbunden mit der Jahreszahl des neuen Jahres. Christus mansionem benedicat bedeutet „Christus segnet dieses Haus.“ Die Idee für diese Symbolhandlung zum Wohle benachteiligter Kinder stammt von einem pfiffig-frommen Mädchen, das Ende des 19. Jahrhunderts in der Nähe Aachens gelebt hat. Heute ist daraus die größte Hilfsaktion von Kindern für Kinder weltweit geworden.
Aufbruch oder Kulisse? – Eine Frage an uns
Die Frage an uns ist: Sind die schönen 25-zackigen Sterne für uns nur Dekoration oder ein Symbol für die Bereitschaft, aufzubrechen, um mit dem eigenen Leben einen Beitrag zu leisten, dem Frieden zu dienen, den unsere Welt so bitter nötig hat?
Geometrie des Lichts – Die Geburt des Herrnhuter Sterns
In den Herrnhuter Werkstätten in der Oberlausitz werden heutzutage etwa 300.000 Sterne jährlich von Hand hergestellt und weltweit vermarktet. Alles geht zurück auf den anschaulichen Mathematikunterricht in der Herrnhuter Knabenanstalt Anfang des 19. Jahrhunderts. Die Schüler basteln 1852 zum 50-jährigen Jubiläum erstmals einen mit einer inneren Leuchte versehenen dreidimensionalen Stern aus 17 Vierecken und 8 Dreiecken, die kunstvoll zu einem 25-zackigen Polyeder zusammengefügt werden.
Flucht, Glaube und Hoffnung – Die böhmischen Wurzeln
Herrnhut ist eine Siedlung für protestantische Glaubensflüchtlinge aus Böhmen und Mähren, die seit 1722 auf dem Gut des weltoffenen und frommen Grafen Zinzendorf ein Asyl finden. Ihr Ursprung wiederum ist die 1398 gegründete Bethlehemskapelle in Prag. Dort hat der tschechische Reformator Jan Hus, zugleich Rektor der Prager Karls-Universität (gegr. 1348), einige Jahre lang Sonntag für Sonntag vor 3.000 Menschen in tschechischer Sprache gepredigt und ein muttersprachliches Liedgut entwickelt. Er prangert die Korruption in der Kirche und die ungerechten feudalen Verhältnisse an. Die Kirche hat nur einen Herrn, und das ist Jesus. In der Nachfolge Jesu sind alle Standesunterschiede hinfällig. Alle teilen miteinander und unterstützen sich gegenseitig, wie in einer großen Familie. Das sind seine Kernaussagen. Und 1414 stimmt er zu, als in der Prager Kirche St. Martin-in-der-Mauer zum ersten Mal das Abendmahl in beiderlei Gestalt gereicht werden soll. Von da an breitet sich die Bewegung der „Kelchner“ in ganz Böhmen aus. Hus wird auf dem Konzil von Konstanz (1415) als Erzketzer verurteilt und grausam hingerichtet. „Ihr bratet euch jetzt eine Gans“, soll er gesagt haben, „aber aus der Asche wird ein Schwan hervorgehen!“ Martin Luther hört hundert Jahre später davon und bezieht es auf sich. Johannes Bugenhagen, der „Doctor Pomeranus“, bezieht sich noch in der Grabrede für Luther 1546 auf dieses Diktum von Hus.
Gemeinschaft ohne Gewalt – Die Böhmische Brüdergemeine
Im Königreich Böhmen entsteht Mitte des 16. Jahrhunderts nach schlimmen Richtungskämpfen zwischen radikaleren und gemäßigten Gruppierungen die BÖHMISCHE BRÜDERGEMEINE, die gewaltfrei und ohne hierarchische Struktur ein Gemeinschaftsleben im Geist Jesu entwickelt. Als Böhmen und Mähren im Habsburger Reich seit 1620 rekatholisiert werden, halten sich einige protestantische Gemeinden jahrzehntelang im Verborgenen, viele Familien aber wandern aus.
Der Garten des Friedens – Bildung als Hoffnung
Jan Amos Komenský (= Johann Amos Comenius) ist der letzte Senior der alten Brüderunität. Sein ganzes Leben setzt er daran, jedem Kind die beste Bildung zukommen zu lassen, in der Hoffnung: Dann wird Frieden auf Erden zu verwirklichen sein. Er ist der erste Pädagoge, der Gewalt in der Erziehung grundsätzlich ablehnt. „Gewalt sei ferne den Dingen – alles entfalte sich aus sich heraus“ (Violentia absit rebus – omnia sponte fluant), das ist sein Wahlspruch. Auf jedes seiner Bücher setzt er den runden Stempel mit diesem Lebensmotto – in der Mitte mit einem stilisierten blühenden Garten. Es ziert auch das Titelblatt des Orbis pictus. 1658 erstmals veröffentlicht, wird diese Fibel zum Lesenlernen und Entdecken der Welt zu einem europaweit genutzten elementaren Schulbuch. Zum Lateinischen kommt die jeweilige Muttersprache hinzu; viele Ausgaben sind drei- oder gar viersprachig. Ein Desiderat für eine gemeinsame europäische Bildungsgrundlage in unseren Tagen!
Von Herrnhut in alle Welt – Glaube als Friedensbewegung
Bei einer besonders bewegenden Abendmahlsfeier im August 1727 kommt Nikolaus Ludwig Graf Zinzendorf – er ist damals schon viele Jahre Hofjurist in Dresden – auf die Idee, Theologe zu werden. Das Examen legt er in Tübingen ab, und in der Marienkirche Stralsund hält er seine Ordinationspredigt. Ausgehend vom Kreis der Glaubensflüchtlinge in Herrnhut wird die Böhmische Brüderunität neu ins Leben gerufen als weltweite protestantische Bildungs- und Friedensbewegung. Zinzendorf wird ihr (Titular-)Bischof. Heute ist die Brüderunität mit weit über einer Million Mitgliedern in allen Erdteilen vertreten; die meisten leben in Afrika, insbesondere in Tansania. In Europa ist die größte Gemeinde in den Niederlanden; es sind vorwiegend Menschen, die aus Surinam / Südamerika stammen. Herrnhut ist bis heute das organisatorische Zentrum der weltweiten Brüderunität. Jahr für Jahr werden hier aufs Neue aus 1.800 Bibelzitaten die Losungen für jeden Tag ausgewählt, seit 1728. Das Büchlein mit den Losungen wird mittlerweile in über 50 Sprachen der Welt übersetzt. Viele Millionen Menschen halten jeden Morgen inne und lassen Losung und den dazu ausgewählten Lehrtext auf sich wirken. – Das ist der Hintergrund für die Herrnhuter Sterne in der Advents- und Weihnachtszeit.

Zu den Bildern vom Herrnhuter Stern in der Kirche Behrenhoff, in der St. Marien Kirche Greifswald u.a.m.
Autor: Pastor Willfid Knees





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