Die letzten Tage in meiner zweiten Heimat
Es war im Dezember 2022, noch in meiner zweiten Heimat.
Das Hospiz war zu uns nach Hause gekommen, denn mein Mann hatte die letzten Tage seines Lebens erreicht. Wir wussten, Weihnachten würde ich alleine sein. Es wurde früh dunkel, die Farm lag einsam und nur die Sterne leuchteten am Nachthimmel und illuminierten die schneebedeckten Felder.
Ich wollte etwas Schönes, ich wollte einen frühen Weihnachtsbaum.
Die Tradition des eigenen Weihnachtsbaumes

Seit einigen Jahren schon gingen wir zum Weihnachtsbaum-Schlagen nur noch auf unserem eigenen Grundstück auf die Baumjagd. Wir hatten uns nämlich im Staatswald, wo wir unseren Baum mit Genehmigung suchten, total verlaufen. Ihr könnt es Euch vorstellen: kanadische Einsamkeit, meilenweit kein Mensch, es wurde dunkel und wir wussten nicht mehr, wo die Straße ist. Bewölkter Himmel, keine Sterne, man hörte die Bäume vor Kälte knistern. Mein Mobil Phone war auch eingefroren!
Wir sahen wilde Pferde, sie bemerkten uns auch, blieben aber ruhig. Ein großer Elch stand leise am Waldesrand und schaute sich diese eigenartigen Gestalten an, die da mühsam durch den tiefen Schnee stapften. Wir fanden ein Jagd Camp und wussten, wir hätten einen Zufluchtsort für die Nacht. Ob wir es wiedergefunden hätten, ist die andere Frage.
Orientierungslos im Schnee
Wir gingen weiter, immer weiter. Die Herzrhythmusstörungen meines Mannes machten sich vor Erschöpfung bemerkbar und er wurde immer schwächer. Ich wurde immer positiver und stärker – meine Reaktion gegen das Aufgeben.
Wir fanden die Gravel Road wieder und schleppten uns in die richtige Richtung. Nach geraumer Zeit stand da unser Dodge. Mein eben noch so schwacher Mann mobilisierte seine Kräfte, kroch in den großen Truck und startete die enorme Dieselmaschine. Ich hatte heißen Kakao in der Thermosflasche und ein paar Cookies. Wir waren sicher, und sicher kamen wir nach Hause.
Ein besonderer Baum

Als wir Werners Kindern von unseren Eskapaden berichteten, waren sie geschockt. Das hätte so schrecklich schiefgehen können! Wir mussten versprechen, die Bäume unseres Grundstückes zu fällen.
Einer hatte es uns besonders angetan – voll, gerade, weihnachtlich eben. Den schonten wir, er war so schön.
Der Weihnachtsbaum des Jahres 2022
Im Jahre 2022 gab es keinen anderen, der musste es sein. Ich fragte Werner nicht, ich fällte den wunderbaren Baum, schleppte ihn ins Haus und bekam ihn sogar gerade in den Ständer hinein.
Geschmückt stand er dann da, am Nikolausabend – und alle Abende bis zum 12. Dezember.
Abschied im Licht der Kerzen
Die Kerzen warfen Schatten wie eine Ahnung auf das, was kommen würde. Die Flammen spiegelten sich aber auch freudig in den Kugeln und den Glasornamenten. Es war ganz still und ganz leise machte sich Werner auf den Weg. Der Weihnachtsbaum, das Nachtlicht und die Sterne leuchteten und meine Augen glitzerten voller Tränen.
Nie wieder wird ein Weihnachtsbaum so bedeutungsvoll, so leuchtend und so kraftvoll seine Nachricht des Lichtes geben.
Ein neuer Baum, ein neuer Gruß
Dieses Jahr kommt mein Baum aus Feldkirchen. Er wird am 12. Dezember frisch geschlagen werden, damit ein Lichtergruß in die Ewigkeit gesendet werden kann.
Dankbarkeit für jedes Jahr
Jeder Weihnachtsbaum ist besonders und ich bin dafür dankbar, jedes Jahr wieder einen Baum zu haben, der ausgewählt wurde, der mir Erinnerungen schenkt und Erinnerungen reflektiert.
— geschrieben von …
Heike Kesel





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