Kirche gemeinsam gestalten – warum Feldkirchen-Altwied den offenen Dialog braucht
Das Priestertum aller Getauften: Ein reformatorischer Gedanke als Auftrag für die Zukunft unserer Kirchengemeinde
Die evangelische Kirche steht vor weitreichenden Veränderungen. Sinkende Mitgliederzahlen, knapper werdende finanzielle Mittel und neue Organisationsstrukturen stellen auch die Evangelische Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied vor Herausforderungen.

Offene Türen, offene Gespräche – die Zukunft unserer Kirchengemeinde gemeinsam gestalten. KI-generierte Illustration auf Grundlage eines Fotos von Elke Döbbeler
Die bevorstehende Fusion von Kirchengemeinden wirft dabei Fragen auf, die weit über organisatorische Zuständigkeiten und Verwaltungsstrukturen hinausreichen.
Was wird aus dem kirchlichen Leben vor Ort? Welche gewachsenen Angebote und Beziehungen bleiben erhalten? Und welche Möglichkeiten haben die Gemeindemitglieder, die Zukunft ihrer Kirche mitzugestalten?
Denn bei allen notwendigen Strukturveränderungen darf eines nicht aus dem Blick geraten: Kirche besteht nicht nur aus Institutionen und Gremien. Sie lebt vor allem von den Menschen, die sich ihr verbunden fühlen.
Ein reformatorischer Gedanke, der bis heute trägt
In unserem Beitrag zum Reformationstag haben wir gefragt: Was würde Martin Luther heute reformieren?
Diese Frage führt zu einem zentralen Gedanken der Reformation: dem „Priestertum aller Getauften“.
Martin Luther stellte die Vorstellung infrage, dass die Verantwortung für den christlichen Glauben ausschließlich bei geistlichen Amtsträgern liege.
Alle Getauften sind aufgerufen, ihren Glauben verantwortlich zu leben, sich einzubringen und das kirchliche Leben mitzugestalten.
Dieser Gedanke bedeutet nicht, dass es keine gewählten Leitungsgremien braucht. Er erinnert vielmehr daran, dass kirchliche Verantwortung und gelebte Gemeinschaft zusammengehören.
Gerade in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen gewinnt dieses reformatorische Verständnis eine besondere Bedeutung.
Kirche gemeinsam zu gestalten heißt auch, miteinander über ihre Zukunft zu sprechen.
Eine Diskussion, die bereits begonnen hat
Bereits im Sommer 2026 fand in der Evangelischen Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied eine Gemeindeversammlung statt.
Dabei wurde auch die bevorstehende Fusion von Kirchengemeinden angesprochen.
Nach meinem persönlichen Eindruck waren zu diesem Zeitpunkt jedoch noch viele Fragen offen. Welche konkreten Auswirkungen die geplanten Veränderungen auf Feldkirchen-Altwied haben könnten, blieb weitgehend ungeklärt.
Eine vertiefte Diskussion über die örtlichen Folgen kam deshalb nicht zustande.
Die anwesenden Gemeindemitglieder wirkten auf mich eher zurückhaltend, vielleicht auch verunsichert.
Doch wie soll man über Veränderungen diskutieren, deren konkrete Auswirkungen noch kaum erkennbar sind?
Diese Beobachtung ist kein Vorwurf an die damaligen Verantwortlichen. Vielmehr zeigt sie, wie schwierig es ist, Menschen an einem Veränderungsprozess zu beteiligen, solange dessen Ziele, Rahmenbedingungen und mögliche Folgen noch nicht ausreichend greifbar sind.
Beteiligung setzt Information voraus. Und eine lebendige Gemeinde braucht beides.
Warum eine Fortsetzung des Dialogs wichtig wäre
Seit der Gemeindeversammlung im Sommer ist Zeit vergangen.
Es wäre deshalb hilfreich zu erfahren, welche Erkenntnisse inzwischen vorliegen, wie weit die Planungen fortgeschritten sind und welche Entscheidungen noch offenstehen.
Eine weitere Gemeindeversammlung könnte Gelegenheit bieten, die damals begonnene Diskussion auf einer konkreteren Grundlage fortzusetzen.
Dabei sollten insbesondere die möglichen Auswirkungen auf das Gemeindeleben in Feldkirchen-Altwied im Mittelpunkt stehen.
Wie werden künftig Gottesdienste, Seelsorge, Kirchenmusik, Kinder- und Jugendarbeit organisiert? Welche Bedeutung behalten die bisherigen kirchlichen Standorte? Welche Spielräume bestehen für eigene örtliche Initiativen?
Und nicht zuletzt: Wie können die Menschen, die sich seit vielen Jahren für ihre Kirchengemeinde engagieren, ihre Erfahrungen und Vorstellungen in den Veränderungsprozess einbringen?
Nicht jede dieser Fragen wird sich sofort beantworten lassen.
Aber bereits die Bereitschaft, offen darüber zu sprechen, könnte helfen, Verständnis zu schaffen und Vertrauen zu stärken.
Die Gemeindeversammlung als Ausdruck gelebter Mitverantwortung
Die Kirchenordnung der Evangelischen Kirche im Rheinland sieht die Gemeindeversammlung ausdrücklich als Bestandteil des kirchlichen Lebens vor.
Sie bietet den Gemeindemitgliedern die Möglichkeit, sich über Entwicklungen zu informieren, Fragen zu stellen und Anregungen einzubringen.
Eine Gemeindeversammlung ist deshalb weit mehr als eine Informationsveranstaltung.
Sie kann ein Ort sein, an dem unterschiedliche Erfahrungen, Erwartungen und Vorstellungen zusammenkommen.
Gerade darin zeigt sich die Aktualität des reformatorischen Gedankens vom Priestertum aller Getauften.
Die gewählten Leitungsgremien tragen die ihnen übertragene Verantwortung. Die Gemeindemitglieder wiederum sind nicht bloß Zuschauer kirchlicher Veränderungen.
Sie sind Teil der Gemeinschaft, deren Zukunft gestaltet wird.
Verantwortung zu tragen und Beteiligung zu ermöglichen, sind keine Gegensätze. Sie gehören zusammen.
Nicht übereinander, sondern miteinander sprechen
Die bevorstehenden Veränderungen stellen auch das Presbyterium vor schwierige Aufgaben.
Seine Mitglieder tragen Verantwortung, engagieren sich vielfach ehrenamtlich und müssen Entscheidungen unter Bedingungen treffen, die sie selbst nur begrenzt beeinflussen können.
Diese Verantwortung verdient Anerkennung.
Gerade deshalb sollte eine offene Diskussion nicht als Kritik an einzelnen Personen oder Gremien verstanden werden.
Vielmehr bietet sie die Chance, die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzuführen.
Gemeindemitglieder können ihre Erfahrungen und Wünsche einbringen. Verantwortliche können erläutern, welche Entwicklungen notwendig erscheinen und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen.
Dabei dürfen unterschiedliche Meinungen ausdrücklich ihren Platz haben.
Eine lebendige Kirche muss nicht in allen Fragen einer Meinung sein. Sie sollte aber in der Lage sein, unterschiedliche Auffassungen respektvoll miteinander zu besprechen.
Die Zukunft unserer Kirche beginnt vor Ort
Die Bedeutung einer Kirchengemeinde lässt sich nicht allein an Mitgliederzahlen, Gebäuden oder Verwaltungsstrukturen messen.
Sie zeigt sich dort, wo Menschen gemeinsam Gottesdienste feiern, musizieren, Kinder und Jugendliche begleiten, sich ehrenamtlich engagieren oder einander in schwierigen Lebenssituationen unterstützen.
Es sind diese persönlichen Beziehungen, die über viele Jahrzehnte gewachsen sind und das kirchliche Leben in unseren Orten prägen.
Eine Fusion von Kirchengemeinden mag aus organisatorischen und finanziellen Gründen notwendig oder sinnvoll erscheinen.
Ob sie langfristig trägt, wird aber auch davon abhängen, ob die Menschen vor Ort weiterhin eine lebendige Verbindung zu ihrer Kirche erfahren.
Deshalb sollte die Frage, wie das örtliche Gemeindeleben erhalten und weiterentwickelt werden kann, nicht erst nach Abschluss der strukturellen Entscheidungen gestellt werden.
Sie gehört mitten in den Veränderungsprozess.
Eine Einladung, den begonnenen Dialog fortzusetzen
Treffpunkt Feldkirchen möchte mit diesem Beitrag keine fertigen Antworten vorgeben.
Unser Anliegen ist es vielmehr, eine Diskussion anzuregen, die sachlich, respektvoll und offen geführt wird.
Die Gemeindeversammlung im Sommer 2026 hat einen ersten Anlass geboten, über die bevorstehende Fusion zu sprechen.
Nun wäre es wünschenswert, diesen Austausch fortzusetzen und dabei die konkreten Perspektiven für Feldkirchen-Altwied stärker in den Mittelpunkt zu stellen.
Eine weitere Gemeindeversammlung könnte hierfür einen geeigneten Rahmen bieten.
Das Presbyterium hätte Gelegenheit, über den aktuellen Stand der Planungen zu informieren. Die Gemeindemitglieder könnten Fragen stellen, Anregungen geben und eigene Vorstellungen entwickeln.
Nicht als Gegeneinander, sondern im Bewusstsein einer gemeinsamen Verantwortung für die Zukunft der Kirchengemeinde.
Kirche lebt von Beteiligung
Die evangelische Kirche wird die Herausforderungen unserer Zeit nicht allein durch neue Strukturen bewältigen können.
Sie braucht Menschen, die sich mit ihr identifizieren, Verantwortung übernehmen und bereit sind, neue Wege mitzugehen.
Dazu gehört aber auch, dass Menschen erfahren, dass ihre Fragen gehört, ihre Erfahrungen geschätzt und ihre Anregungen ernst genommen werden.
Der reformatorische Gedanke vom Priestertum aller Getauften ist deshalb weit mehr als eine historische Erinnerung.
Er ist eine Einladung, Kirche gemeinsam zu gestalten – nicht erst, wenn Entscheidungen gefallen sind, sondern gerade dann, wenn ihre Zukunft noch offen ist.
Vielleicht liegt darin eine wichtige Antwort auf die Herausforderungen, vor denen unsere Kirchengemeinde heute steht.
Wenn die Zukunft unserer Kirchengemeinde alle betrifft – sollten dann nicht auch alle die Gelegenheit haben, darüber miteinander zu sprechen?
Treffpunkt Feldkirchen versteht diesen Beitrag als Einladung zu einem offenen, respektvollen und konstruktiven Dialog über die Zukunft der Evangelischen Kirchengemeinde Feldkirchen-Altwied. Das Presbyterium und alle interessierten Gemeindemitglieder sind eingeladen, ihre Gedanken, Fragen und Anregungen einzubringen.




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