Feldkirchen 2040: Bevor wir neue Ziele formulieren, sollten wir auf 2018 schauen
Das ehemalige Kühne-Gelände in Fahr. KI-gestützte Bildmontage auf Grundlage aktueller Aufnahmen vom Gelände. Fotos: Treffpunkt Feldkirchen
Die Stadt hat erste gemeinsame Ergebnisse der Stadtteilwerkstätten veröffentlicht – eine gesonderte Auswertung für Feldkirchen fehlt jedoch weiterhin. Das Kühne-Gelände zeigt, wie groß die Lücke zwischen strategischem Ziel und Umsetzung sein kann.
Am 10. September 2026 fand im Gemeindehaus Feldkirchen die Stadtteilwerkstatt zur Fortschreibung der Neuwieder Stadtentwicklungsstrategie statt. Die Feldkirchenerinnen und Feldkirchener waren eingeladen, über die Zukunft ihres Stadtteils nachzudenken: Was läuft gut? Wo besteht Handlungsbedarf? Welche Orte besitzen Entwicklungspotenzial? Und wie soll Feldkirchen im Jahr 2040 aussehen?
Inzwischen hat die Stadt erste gemeinsame Erkenntnisse aus allen 14 Stadtteilwerkstätten veröffentlicht. Danach wurden besonders häufig mehr Orte der Begegnung, bessere Mobilitätsmöglichkeiten auch ohne Auto sowie mehr Bäume, Grünflächen und attraktivere öffentliche Räume gewünscht.
Welche Hinweise und Prioritäten konkret bei der Feldkirchener Werkstatt genannt wurden, ist allerdings weiterhin nicht öffentlich nachvollziehbar. Auf der städtischen Projektseite heißt es mit Stand vom 27. Oktober 2026 lediglich: „Dokumentation folgt.“
Gerade deshalb lohnt sich weiterhin ein Blick zurück: Was hatte sich die Stadt bereits 2018 für Feldkirchen vorgenommen – und was ist daraus geworden?
Was 2018 für Feldkirchen vorgesehen war
Die im März 2018 vom Stadtrat beschlossene Stadtentwicklungsstrategie Neuwied 2030 ordnete Feldkirchen dem „landschaftsnahen Siedlungsband“ zu. Der Stadtteil sollte insbesondere als hochwertiger Wohnstandort in landschaftlich reizvoller Lage weiterentwickelt werden.
Feldkirchen zählte in der damaligen Strategie 5.071 Einwohner. Nach den derzeit aktuellsten Einwohnerzahlen der Stadt Neuwied waren es am 6. Juli 2026 insgesamt 5.184 Hauptwohnsitze. Der Stadtteil ist damit gegenüber der damaligen Bestandsaufnahme leicht gewachsen. Ob und in welchem Umfang dieses Wachstum auf die Stadtentwicklungsstrategie zurückzuführen ist, lässt sich daraus nicht ableiten.
Für Feldkirchen wurden 2018 drei besonders konkrete städtebauliche Aufgaben benannt:
- die Entwicklung eines erkennbaren zentralen Bereichs,
- die Bauleitplanung für das Kühne-Gelände in Fahr,
- die Entwicklung einer „Himmelsleiter“ als Aussichtspunkt über das Neuwieder Becken, möglichst ergänzt durch ein gastronomisches Angebot.
Das Kühne-Gelände wurde darüber hinaus ausdrücklich in eine Prioritätenliste für die Bauleitplanung aufgenommen.
Was wurde davon umgesetzt?
Eine vollständige öffentlich zugängliche Bilanz, die sich speziell mit den 2018 formulierten Zielen für Feldkirchen befasst, liegt bislang nicht vor. Die Stadt selbst erklärt auf ihrer aktuellen Projektseite zur Stadtentwicklungsstrategie, dass nicht alle Inhalte der bisherigen Strategie vollständig umgesetzt wurden oder noch aktuell sind.
Für Feldkirchen ergibt sich ein gemischtes Bild.
Positiv ist zunächst die leichte Zunahme der Einwohnerzahl. Auch das vielfältige ehrenamtliche Leben, der Wochenmarkt, die Vereine und die zahlreichen örtlichen Initiativen stärken Feldkirchen als Wohn- und Lebensort. Ein erheblicher Teil dieser Entwicklung wird allerdings durch das Engagement der Menschen vor Ort getragen und lässt sich nicht ohne Weiteres der städtischen Planung zurechnen.
Der Bereich um Kirmesplatz, Wochenmarkt, Grundschule, Gemeindehaus und AWO-Begegnungsstätte erfüllt wichtige Funktionen. Eine bewusst geplante und gestalterisch zusammenhängende gemeinsame Mitte für die verschiedenen Feldkirchener Ortsteile lässt sich daraus bislang jedoch nur bedingt erkennen.
Auch für die 2018 vorgeschlagene „Himmelsleiter“ ließ sich bei der aktuellen Recherche weder eine konkrete Planung noch eine Umsetzung feststellen. Die besondere Lage Feldkirchens zwischen Rhein, Weinbergen und Westerwald bleibt damit ein Potenzial für Naherholung und Tourismus, das bislang nur eingeschränkt genutzt wird.
Am deutlichsten zeigt sich die offene Aufgabe jedoch beim Kühne-Gelände.
Das Kühne-Gelände: vom Aufbruch zur langjährigen Freifläche
Das ehemalige Werk der Firma Kühne in Fahr wurde 1998 geschlossen. Danach standen die Gebäude fast zwanzig Jahre leer. Eine Bürgerinitiative um Erich Walther setzte sich mit großem Nachdruck für die Beseitigung der Industrieruine ein.



Mehr als acht Jahre später ist auf dem früheren Werksgelände noch immer kein Wohnquartier entstanden.
Bereits im August 2017 erklärte der damalige Bürgermeister Jan Einig bei einem Ortstermin, dass nach dem Abriss gemeinsam mit den Eigentümern zügig die Voraussetzungen für eine attraktive Wohnbebauung geschaffen werden sollten. Zugleich sollte verhindert werden, dass lediglich eine überwucherte und vermüllte Fläche zurückbleibt.
Erich Walther regte damals die Bildung einer „Task-Force“ an. Vertreter der CDU reagierten nach dem damaligen Bericht positiv auf diesen Vorschlag. NR-Kurier vom 14. August 2017
Im März 2018 begannen die Abrissarbeiten. Im Juli 2018 war der Abriss nach damaligen Medienberichten abgeschlossen. Das war ein wichtiger Erfolg – insbesondere für Erich Walther und die engagierten Bürgerinnen und Bürger, die sich über Jahre für die Beseitigung der Ruine eingesetzt hatten.
Im selben Jahr erklärte die Stadtentwicklungsstrategie die Bauleitplanung für das Kühne-Gelände zur Priorität. Die Ausgangslage schien günstig: Die Ruine war beseitigt, die politische Absicht zur Wohnbebauung war formuliert und das Gelände war ausdrücklich in das städtische Strategiekonzept aufgenommen worden.
Mehr als acht Jahre später ist auf dem früheren Werksgelände noch immer kein Wohnquartier entstanden.

Unverbindliche, KI-gestützte Visualisierung einer möglichen Bebauung des Kühne-Geländes. Die Darstellung ist eine redaktionelle Ideenskizze und weder eine Planung der Stadt Neuwied noch ein Entwurf der Eigentümer oder eines Investors.
Die Bauleitplanung bleibt eine offene Kernfrage
In einer früheren themenbezogenen Auskunft gegenüber Treffpunkt Feldkirchen verwies die Stadt auf die privaten Eigentumsverhältnisse und die bislang geringe Kooperationsbereitschaft der Eigentümer als wesentliche Hindernisse für eine Entwicklung.
Das ist ein wichtiger Hinweis. Private Eigentumsverhältnisse und fehlende Mitwirkungsbereitschaft können die tatsächliche Umsetzung eines Vorhabens erheblich erschweren. Sie beantworten jedoch noch nicht die davon zu unterscheidende Frage, ob und mit welchem Ziel die Stadt die 2018 angekündigte Bauleitplanung weiterverfolgt.
Eine formelle Bauleitplanung könnte dazu dienen, die städtebaulichen Ziele für das gesamte Gelände zu ordnen und planungsrechtlich abzusichern. Dazu könnten unter anderem Art und Umfang der Bebauung, Erschließung, Verkehr, öffentliche Wege, Grünflächen, Hochwasserbelange und die Einfügung in den historischen Ortsteil Fahr gehören.
Eine solche Planung wäre allerdings noch keine Garantie dafür, dass gebaut wird. Sie ersetzt weder die Mitwirkung der Eigentümer noch einen tragfähigen Investor und überwindet auch nicht automatisch mögliche Altlasten- oder Erschließungsfragen.
Trotzdem bleiben wichtige Fragen offen:
- Wird die 2018 als Priorität benannte Bauleitplanung für das Kühne-Gelände weiterhin verfolgt?
- Hat es die damals vorgeschlagene Arbeitsgruppe oder ein vergleichbares Abstimmungsformat gegeben?
- Welche städtebauliche Nutzung hält die Stadt heute für das Gesamtgelände für sinnvoll?
- Welche konkreten Voraussetzungen fehlen derzeit für eine Entwicklung?
- Soll das Gelände weiterhin vorrangig für Wohnungsbau genutzt werden?
- Wie sollen die historische Struktur von Fahr, die Rheinlage, mögliche Hochwasserbelange und die Verkehrserschließung berücksichtigt werden?
- Welche Handlungsmöglichkeiten sieht die Stadt, wenn über einen längeren Zeitraum keine gemeinsame Entwicklung mit den Eigentümern zustande kommt?
Was die Stadt aus den Werkstätten veröffentlicht hat
Am 15. Oktober 2026 veröffentlichte die Stadt unter der Überschrift „Neuwieder haben klare Vorstellungen von der Zukunft ihrer Stadt“ erstmals eine zusammenfassende Mitteilung zu den 14 Stadtteilwerkstätten.
Danach wurden stadtweit besonders häufig drei Wünsche geäußert:
- mehr frei zugängliche Begegnungsorte und lebendige Ortsmitten,
- sichere Fuß- und Radwege sowie gute Verbindungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln,
- mehr Bäume, Grünflächen und attraktiv gestaltete öffentliche Räume.
Diese Themen passen grundsätzlich auch zu den seit 2018 offenen Fragen in Feldkirchen. Aus der gesamtstädtischen Zusammenfassung lässt sich jedoch nicht erkennen, welche Anliegen bei der Feldkirchener Werkstatt konkret genannt, wie sie gewichtet und welche Orte dabei besonders hervorgehoben wurden.
Die Stadt erklärt auf ihrer Seite zu den Stadtteilwerkstätten, die Ergebnisse aller Werkstätten seien dokumentiert und ausgewertet worden. Die eigentliche Dokumentation ist dort bislang jedoch nicht abrufbar.
Damit bleibt insbesondere offen, ob und in welcher Form das Kühne-Gelände, eine gemeinsame Ortsmitte oder die frühere Idee einer „Himmelsleiter“ bei der Feldkirchener Werkstatt angesprochen wurden.
Die neue Strategie sollte aus den Erfahrungen seit 2018 lernen
Die Stadtteilwerkstätten sind Teil der Fortschreibung der Neuwieder Stadtentwicklungsstrategie. Die neue Strategie soll nach Angaben der Stadt im Jahr 2027 vorliegen und anschließend politisch beraten werden.
Für Feldkirchen sollte diese Fortschreibung nicht nur neue Wünsche sammeln. Sie sollte auch nachvollziehbar bilanzieren, was aus den bisherigen Zielen geworden ist:
Welche Vorhaben wurden umgesetzt? Welche wurden verändert oder zurückgestellt? Wo fehlten finanzielle Mittel, Grundstückszugriff, Mitwirkungsbereitschaft oder politische Priorität? Und welche Ziele sollen verbindlich in die kommenden Jahre übernommen werden?
Das Kühne-Gelände eignet sich dafür wie kaum ein anderer Ort als Prüfstein. Hier treffen Industriegeschichte, bürgerschaftliches Engagement, Wohnraumbedarf, private Eigentumsverhältnisse und kommunale Planung unmittelbar aufeinander.
Die Beseitigung der Ruine war ein wichtiger erster Schritt. Sie darf jedoch nicht mit einer abgeschlossenen Entwicklung verwechselt werden. Der damalige Anspruch bestand nicht allein in der Schaffung einer freien Fläche, sondern in einer städtebaulichen Perspektive für Fahr und Feldkirchen.
Von der Ideensammlung zum überprüfbaren Auftrag
Eine Stadtentwicklungsstrategie ist kein Bebauungsplan. Sie begründet auch keinen Anspruch darauf, dass jedes darin genannte Projekt verwirklicht wird. Sie sollte jedoch mehr sein als eine Sammlung unverbindlicher Zukunftsbilder.
Damit die neue Strategie glaubwürdig und überprüfbar wird, braucht sie für die wichtigsten Projekte klare Prioritäten, erkennbare Zuständigkeiten, nachvollziehbare nächste Schritte und eine regelmäßige öffentliche Bilanz.
Für Feldkirchen bedeutet das: Die konkrete Dokumentation der Stadtteilwerkstatt sollte veröffentlicht werden. Zugleich sollte die Stadt erläutern, welche Ziele aus dem Jahr 2018 fortgeführt, verändert oder aufgegeben werden.
Erst dann lässt sich beurteilen, ob Feldkirchen 2040 tatsächlich neu gedacht wird – oder ob offene Aufgaben lediglich mit einem neuen Datum versehen werden.
Redaktionsstand: 27. Oktober 2026




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